Wer wischt uns eigentlich den Hintern ab, wenn keiner mehr Kinder bekommt?

Neulich kam ich mit Isabel Falconer im #RealTalkMama ins Gespräch darüber, warum Mütter in Deutschland so wenig gesellschaftliche Anerkennung bekommen. Mütterbashing auf sämtlichen Kanälen ist erschreckend normal geworden, giftige Blicke auf den Straßen auch, bei Ausschluss aus Cafés wird applaudiert und von der beruflichen Benachteiligung, die viele Arbeitgeber auch noch für völlig gerechtfertigt halten will ich gar nicht erst anfangen. In dem Interview ging es um Depressionen bei Müttern und welche Faktoren – individuelle, soziale, aber vor allem auch gesellschaftliche – diese begünstigen.

Als ich schwanger wurde hatte ich keine Ahnung, was da auf mich zukommt – ziemlich naiv dachte ich sogar, dass sich schon nicht so viel ändern würde. Ich war (und bin) ja noch dieselbe Frau, mit denselben Interessen, Fähigkeiten und Qualifikationen, nur eben um ein bzw. später zwei Kinder und etliche Erfahrungen reicher. (Das muss man sich wirklich mal auf der Zunge zergehen lassen: Ich bin noch DIESELBE FRAU. Mit Kindern.) Dass das außer mir nur wenige Menschen so sehen, habe ich schnell begriffen und auf die bösen Blicke, die kritischen Fragen, die bevormundenden Kommentare und die beruflichen Hürden anfangs extrem sensibel reagiert. Dann habe ich versucht mich damit zu arrangieren, dass es offensichtlich völlig okay ist sich öffentlich über Leute wie mich auszukotzen und Leute wie mich für ein betriebswirtschaftliches Desaster zu halten. Dabei hat sich – rein äußerlich betrachtet, und für meinen Punkt ist alles andere unwichtig – bis auf meinen Familienstatus nichts an mir geändert.

Vor zwei Jahren fuhr ich in meine Heimat Portugal, zum ersten Mal als Mutter. Kaum dort angekommen war ich überrascht wieviel Respekt, Anerkennung und Höflichkeit mir allein dafür entgegenschlug, dass ich zwei Kinder habe. Meine Söhne wurden überall angelächelt, es wurde Platz gemacht, Hilfe angeboten – und ich hatte das Gefühl das gar nicht verdient zu haben. Ich bin doch nur Mutter! Hört auf damit, das ist doch keine Leistung! Zurück in Deutschland merkte ich, dass das die erholsamsten zehn Tage seit der Geburt meines ersten Sohnes waren.

Das heißt jetzt nicht, dass Müttern nur noch mit rotem Teppich und Kniefall begegnet werden sollte. Aber ein bisschen mehr Anerkennung? Ein bisschen mehr echte Vereinbarkeit? Ein bisschen weniger unverschämte Beleidigungen im Internet und überall? Kinder großzuziehen ist toll, aber es ist auch harte Arbeit. So mancher, der die Klappe diesbezüglich weit aufreißt, würde an dieser Aufgabe grandios scheitern oder hat sich dieser bereits grandios entzogen. Mütter jedoch ziehen sich dann aber ja noch jeden Schuh an. Und versuchen alles noch perfekter zu machen. Wenigstens den Kindern soll es dann großartig ergehen. Aber man kann noch so tolle Theorien haben über Erziehung und Nicht-Erziehung, über Bindungsorientiertheit und was es noch alles gibt. Wenn es einem als Mutter nicht gut geht, dann sind die alle für die Tonne. Alle. Weil die Kraft dann so gerade dafür reicht, dass man den Alltag irgendwie überlebt und all diese Theorien eher noch Schaden anrichten. Weil man immer hinter den eigenen Erwartungen zurück bleibt und meint man müsse sich noch mehr anstrengen und selbst kasteien. Ein Teufelskreis mit dem niemand glücklich wird.

Es gibt keine gesicherten Daten dazu, weil das schwierig zu erfassen ist: aber in Kulturen in denen Mütter nach der Geburt umsorgt und geachtet werden, in denen es Rituale des Übergangs gibt und ihnen Haushaltspflichten sowie ältere Kinder von Nachbarinnen und Verwandten abgenommen werden, scheinen postpartale Depressionen kaum aufzutreten. In unseren Breiten hingegen erkrankt fast jede fünfte Frau nach einer Geburt und besonders gefährdet sind jene, denen es an sozialer Unterstützung fehlt. Ich behaupte, dass auch unser gesellschaftliches Klima dafür verantwortlich ist. Niemand verträgt auf Dauer eine solche Abwertung seiner Person. Niemand kommt ohne Anerkennung und Bestätigung aus. Arbeitslose sind nicht ohne Grund depressionsgefährdet. In einer Gesellschaft in der sich der Wert einer Person hauptsächlich am beruflichen Erfolg bemisst, geraten Mütter doppelt ins Hintertreffen. Weil sie entweder zuhause bleiben wollen, oder weil sie es nicht wollen/können, aber dann in unterbezahlten Jobs landen für die sie oft überqualifiziert sind, als „Teilzeit-Muttis“ verlacht oder gar rausgemobbt. Ich erfinde das nicht. Ich höre Müttern zu. Und klar gibt es die, bei denen es gut oder wenigstens zufriedenstellend läuft – ich bin (teilweise) eine davon -, sie befinden sich nur leider in der Unterzahl.

Es ist nicht egal, wie unsere Kinder aufwachsen. Und es ist schon gar nicht egal, ob wir überhaupt weiterhin Kinder bekommen. Die fantastische Juramama bringt es auf den Punkt: „Wer sagt, dass Mütter für Firmen ein betriebswirtschaftliches Risiko sind, der sollte sich durchrechnen, was für ein betriebswirtschaftliches Risiko es ist, wenn keiner mehr Kinder bekommt. Wer kauft in zehn Jahren die Produkte des Unternehmens, wer bedient uns in 30 Jahren im Café und wischt uns in 50 Jahren den Hintern ab? Und nicht zu vergessen: Wer zahlt dann die Renten?“ Wir vergeuden die Talente, die Begeisterung, die Ideen, den Mut, die Liebe, die Hingabe von Müttern, weil wir sie so gering schätzen. Dann haben wir es auch nicht besser verdient. Es gibt keine großen Entdeckungen und Fortschritte, solange es noch ein unglückliches Kind auf Erden gibt, sagte Albert Einstein. Und dafür braucht es – unter anderem – glückliche Mütter.

Ein Kommentar, sei der nächste!

  1. Liebe Melanie,

    motiviert durch Deinen Text habe ich auch einen zum Thema verfasst – und die aktuelle Diskussion nach dem Artikel von Carolin Rosales auf ZEITonline miteinbezogen.

    Gibt wohl noch ein bisschen zu tun ;). Vielen Dank für Deine prägnanten und klaren Worte – ich denke, es ist an der Zeit, dass „wir Mamas“ mal ein bisschen nachdrücklicher werden!

    Viele liebe Grüße,
    Isabel

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