Was ich von meinen Kindern lerne

Wisst Ihr, was Ihr von Euren Kindern lernt? Ich habe über diese Frage nachgedacht, und wie so oft habe ich ganz unerwartete Antworten darauf gefunden. In letzter Zeit ging es mir nicht sonderlich gut mit meinem Muttersein. Es gibt nichts, was wirklich im Argen liegt. Wir kämpfen alle ein bisschen damit, dass ich auch wieder außer Haus arbeite. Dadurch sortiert sich alles neu und es knirscht noch etwas im Gebälk, aber das ist bisher noch einigermaßen zu bewältigen. Letzten Endes ist es nur mein alter Bekannter namens Selbstzweifel, der sich gerade wieder heimlich zwischen mich und meine Kinder geschlichen hat.

Wie so viele war ich, bevor ich eigene Kinder hatte, unfassbar arrogant was das Thema „Kinder großziehen“ betraf. Ich hatte immerhin einen beruflichen Hintergrund, der mir viel Wissen über Entwicklungspsychologie bescherte. Ich las schon damals viele Bücher zu dem Thema, einfach weil es mich interessierte. Ich beobachtete Mütter auf der Straße und meinte natürlich sofort zu wissen, was sie falsch machten. Ja, so schlimm war ich, und ich bitte ehrlich und aufrichtig um Verzeihung, sollte ich sowas jemals laut zu jemandem gesagt haben.

Ich war keine Frau, die schon immer wusste, dass sie Kinder haben wollte. Um ehrlich zu sein, konnte ich mir ein Leben ohne Kinder sogar ganz gut vorstellen. Das kam erst anders, als ich meinen Mann kennenlernte. Auch dann war es nicht so, dass ich plötzlich einen dringenden Kinderwunsch hatte, überhaupt nicht, aber wenn ich ihn mit kleinen Kindern sah fand ich das so schön, dass der Gedanke nicht mehr völlig abwegig erschien. Als ich dann unerwartet schwanger wurde (unerwartet, weil es bei mir auf natürlichem Wege angeblich nicht möglich sein sollte), waren die Umstände alles andere als günstig, aber ich freute mich und war ehrfürchtig.

Ehrfurcht trifft es ganz gut, wenn ich mit einem Wort ausdrücken müsste, was meine Kinder mich lehren. Ehrfurcht vor dieser großen Aufgabe sie ins Erwachsenwerden zu begleiten. Ich hatte in meiner früheren Arroganz nicht ahnen können, dass diese beiden großartigen Kinder mir so gezielt meine Schwächen präsentieren würden. Ich wusste nicht, dass es im Leben ohne Kinder so viel einfacher ist sich aus potentiell unangenehmen Situationen einfach rauszularvieren. Wenn es in der Beziehung schwierig wird, trennt man sich eben, wenn es im Job schwierig wird, sucht man sich eben einen neuen. Mit Kindern geht das nicht. Mit Kindern muss ich aushalten, dass ich sehr viel unzulänglicher bin als ich das gerne hätte. Dass ich sehr viel weniger Geduld habe als ich dachte. Dass ich manchmal dasitze und nur noch schreien möchte, obwohl sie wundervolle und ganz normale Kinder sind. Dass meine eigene Kindheit tiefere Wunden hinterlassen hat als ich dachte und ich – obwohl ich das weiß und es sogar zu meinem Beruf gehört das zu wissen – vieles trotzdem nicht besser hinkriege. Dass sie manchmal offensichtlich das leben, was ich nicht leben durfte und ich nichts in mir finde, was ihnen das lassen kann. Dass sie ein Spiegel meiner Gefühlswelt sind und ich das oft nicht wahrhaben will. Ich lerne von ihnen gütiger mit mir zu sein, damit ich es auch mit ihnen sein kann. Ich hatte keine Ahnung, wie viel Liebe es braucht um Kinder großzuziehen – vor allem auch Liebe für sich selbst.

Auch wenn er mich manchmal verrückt macht, dieser Alltag mit dem Geschrei und den Streitereien und kaum Zeit für mich – ich lerne von meinen Kindern Dinge, die ich ohne sie nie gelernt hätte. Im Grunde zeigen sie mir, wer ich bin. Und zwar nicht die geschönte Version, sondern die echte. Im Übrigen tut mein Mann das auch. Von ihm höre ich das nur nicht so gern. 🙂 Meine Söhne haben keine Supermutter, rufe ich den Selbstzweifeln zu, aber wenigstens eine echte. Und wenn das nicht reicht, haue ich meinem alten Bekannten auch noch Donald Winnicott um die Ohren, den britischen Kinderarzt und Psychoanalytiker, der einst sagte: eine „good enough mother“ ist besser als eine „too good mother“. Kinder wachsen auch an Frustrationen, daran, dass sie nicht alles von der Mutter bekommen. Wenn sie – wie meine – aus dem Babyalter raus sind, lernen sie so allmählich, dass die Mutter nicht Teil von ihnen ist. Dass sie ein eigenes Selbst haben. Das geht nicht ohne Streit und Tränen. Aber das hat eigentlich auch nie jemand behauptet.

4 Kommentare, sei der nächste!

  1. Das hast Du schön geschrieben und ich kann’s Dir so nachfühlen. Ich war auch so eine richtig arrogante Nicht-Mutter. Und habe dann als Mama mein Fett weg gekriegt ;-). Mit meinen Unzulänglichkeiten bin natürlich auch ich tagtäglich konfrontiert – aber ich habe mittlerweile meinen Fokus geändert und freue mich über die Dinge, die ich gut kann oder auch neu gelernt habe.

    Das mit der good enough mother habe ich mir dick hinter die Ohren geschrieben.

    Danke für diesen schönen Text – alles Liebe,
    Isabel

    1. Hihi, oh ja, meine Arroganz hat sich auch ganz schön gerächt. Ich habe jeden fiesen Gedanken gleich doppelt und dreifach zurück bekommen, z.B. mit Kindern, die über Monate nachts im Halbstundentakt wach wurden. 🙂 Meistens schaffe ich es auch mich auf das zu konzentrieren, was allen eher unguten Voraussetzungen zum Trotz gut läuft. In letzter Zeit ist mir das nicht mehr so richtig gelungen, ich denke einfach wegen dieser großen Umstellung für uns alle. Aber diesen Text zu schreiben hat mir geholfen wieder zu sehen, dass ich bin wie ich bin und das im Großen und Ganzen wohl ok so ist. 🙂 Danke für Deine lieben Worte und alles Liebe aus dem Norden!

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