Was für Schmerzen hast du heute, Mama?

„Was für Schmerzen hast du heute, Mama?“, fragt mein Sohn.
„Ich hab‘ keine Schmerzen. Warum fragst du?“
„Dir tut doch jeden Tag etwas weh. Hast du Kopfschmerzen?“
„Oh. Empfindest du das so? Nein, ich habe keine Kopfschmerzen.“
„Hast du Ohrenschmerzen?“
„Nein, auch nicht. Mir tut nichts weh. Wirklich nicht.“

Und dann stelle ich fest, dass ich meinen vierjährigen Sohn gerade anlüge. Obwohl ich ihm – das hat er mir ja gerade gezeigt – eigentlich gar nichts vormachen kann. Er hat recht. Mir tut immer irgendwas weh. Meistens der Kopf, manchmal der Rücken, manchmal alles. Das ist so normal, dass ich es oft nicht einmal mehr bemerke. Ich rede auch nicht darüber, außer wenn es ganz schlimme Kopfschmerzen sind – oder jedenfalls dachte ich das. Denn aus irgendeinem Grund hat mein Sohn das Bild von einer Mama, der immer etwas wehtut und das bricht mir gerade das Herz.

Meine eigene Kindheit war bevölkert von Erwachsenen, die nicht wirklich krank, aber auch nicht wirklich gesund waren. Sie hatten Magengeschwüre, Rückenleiden, Thrombosen, kaputte Hüften und Knie und in jedem Küchenschrank in meiner Verwandtschaft gab es eine Sammlung Medikamentenschachteln mit komplizierten, handgeschriebenen Einnahmeanweisungen, die kein Mensch mehr durchschauen konnte. Ob ich deswegen Ärztin für Psychosomatik geworden bin? Weil ich die Vergeblichkeit dieser Behandlungen immer so direkt vor Augen hatte? Die Medikamente verschwanden ja nie. Sie wurden höchstens durch andere, angeblich wirkungsvollere ersetzt. Einen Effekt sah ich nicht. Mein Opa spuckte weiter Galle, meine Oma klagte weiter über Schmerzen. Und plötzlich sieht mein Sohn mich so wie ich sie damals gesehen habe, nur ohne die Medikamente. Das ist nicht das, was ich für ihn, für mich, für uns will.

Ich weiß ja, woran meine Familie leidet. Woran auch ich leide. Wir leiden – jeder auf seine Art – am Schweigen. All das Ungesagte zerfrisst die Mägen, verklumpt das Blut, legt die Köpfe in Schraubzwingen. Der Grund, warum es hier in letzter Zeit so still war, ist, dass ich (noch) nicht weiß, wie ich dieses Schweigen brechen soll. Ich weiß nur, dass ich es muss. Und so lange ich nicht das sagen kann, was ich eigentlich sagen will, kann ich gar nichts mehr sagen. Es gibt wohl keine schwierigere Aufgabe für mich. Aber mein Leben scheint sich fast auf diesen einen Punkt zugespitzt zu haben an dem ich mich nicht mehr belügen kann, und mein Sohn hat mir das gestern deutlich gemacht. Es ist nicht so dramatisch wie es vielleicht klingt. Es ist einfach nur – ungewohnt. Zu sagen, was ich wirklich denke – wo kämen wir denn dahin? Zur Gesundheit vielleicht. Oder doch mindestens zu einer Mama für meine Söhne, die viel mehr toben und spielen und lachen kann, weil der Kopf leicht ist und die Arme frei – für sie.

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