„Warum bist du depressiv, dein Leben ist doch super?“

Meine Nachbarin schickte mir neulich diesen Spruch. „Warum bist Du depressiv, dein Leben ist doch super?“ ist das Gleiche wie „Warum hast du Asthma, hier ist doch genug Luft?“. Das ist ja auch heute, in Zeiten von #notjustsad-Hashtags und zahlreichen Aufklärungsbemühungen, noch immer nicht ganz klar. Ein Burnout ist vielleicht noch ganz schick, den hat man weil man soviel gearbeitet hat, ein gebrochenes Bein lässt man sich natürlich eingipsen, aber was ist mit einer gebrochenen Seele? Warum hält sich – auch bei den Betroffenen selbst – so hartnäckig die Vorstellung sie hätten kein Recht auf ihr Erleben, weil doch augenscheinlich alles da ist, sie oft mehr als nur ein Dach über dem Kopf haben, mehr als genug zu essen, apartes Aussehen, einen Beruf, Partner, Kinder, Freunde?

Dabei ist es oft genau das Leben, das so super ist, das eigentliche Problem. Wir verbringen unsere Jahre als junge Erwachsene damit etwas zu „schaffen“, uns einen Platz in der Welt zu suchen. In der Jugend erscheinen unsere Möglichkeiten – vor allem hier und heutzutage – vielfältig, aber schon bald schränken wir uns ein. Und nicht nur das, meist verbeißen wir uns geradezu in einen Weg von dem wir uns Sinn und Erfüllung erhoffen. „Aus dem unendlichen Meer des Möglichen stanzen wir eine Insel heraus, die wir uns als unsere Wirklichkeit aneignen“, schreibt der Psychiater Klaus Dörner in „Irren ist menschlich“. „Wir teilen uns in Rollen auf und bündeln diese Rollen – unter Verzicht auf das Übrige – passend zu unserem Temperament. Was auf der Strecke bleibt – schon das bedarf des Betrauerns. Nehmen wir uns immer wieder Zeit dafür?“

Wir nehmen uns keine Zeit dafür. Wenn die Trauer sich meldet versuchen wir sie durch noch mehr Leistung zum Schweigen zu bringen, wir müssen noch perfekter werden, ein tolleres Auto und schickere Möbel kaufen, noch ein paar Kilo abnehmen, die Kinder noch besser ausstaffieren, wenn die Beziehung schwierig wird schlucken wir das runter, es muss ja alles schön sein. Es ist nicht die Trauer, die zur Depression führt, es ist die Weigerung der Trauer, dem Verlust, der Wut, die zu jedem Leben gehört, überhaupt Raum zu geben.

Jeff Foster hat das mal ein wenig poetischer ausgedrückt: „Perhaps our depression is not a sickness (though I will never argue with anyone who wants do defend that view) but a call to break out, to let go, to lose the old structures and stories, perspectives and opinions we have been holding about ourselves and the world and rest deeply in the truth of who we really are. (…) What if you need to shed your half-shed skin, not climb back into it? What if sadness, and pain, and fear, and all of the waves in life‘ s ocean just want to move in you, to finally express themselves creatively and not be pushed away?“

Insofern haben Depressionen und Asthma etwas gemeinsam. Der Asthmatiker hat verengte Bronchien – der Depressive hat ein verengtes Selbst. Beides verursacht Leid. Auch wenn genug Luft da und das Leben total super ist.

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