Erster Bloggeburtstag oder Wie alles hier begann

Vor genau einem Jahr habe ich dieses Projekt hier gestartet. Ich wollte schon lange bloggen und hatte sogar immer wieder Versuche gestartet, aber jedes Mal nach nur wenigen Artikeln wieder aufgegeben und peinlich berührt alles wieder gelöscht. Diesen Impuls habe ich auch jetzt noch immer wieder: alles wieder einzustampfen und – auch wenn das Internet nie vergisst – möglichst viele meiner digitalen Spuren wieder zu verwischen. Dass ich das noch nicht getan habe, hängt unter anderem mit meinem allerersten Beitrag zusammen, der vor genau einem Jahr hier online ging. Meine liebe Kollegin Isabel Falconer von Magna Mater, die ich in der Zwischenzeit besser kennen- und sehr schätzen gelernt habe, hatte zu einer Blogparade aufgerufen. Das Thema: Mama kann nicht mehr – Depressionen bei Müttern.

Ich wusste, dass ich dazu etwas zu sagen hatte. Und zwar nicht nur als Fachfrau, sondern auch als Betroffene. Nach langem Zögern schrieb ich über meine Erfahrungen, schnell, als hätte das schon lange rausgewollt – und die Resonanz, die darauf kam, war überwältigend. Es gibt einiges in meinem Leben zu dem ich nicht stehe. Jedenfalls nicht öffentlich, und teilweise nur mit Mühe vor mir selbst. Aber ich habe beschlossen dazu zu stehen, dass ich mit Depressionen sehr vertraut bin. Ich kenne sie inzwischen in- und auswendig, und das nicht nur aus beruflicher Perspektive. Ich tue das, weil ich das wichtig finde. Ich tue das, weil ich auch als Ärztin nicht vor dieser Erkrankung gefeit war, und weil in der öffentlichen Darstellung noch immer viel zu häufig geleugnet wird, dass es eine Erkrankung ist (diese egoistischen Musiker, die sich einfach umbringen – die bringen sich nicht um, weil sie egoistisch sind, sondern weil sie krank sind). Depressionen und vor allem Depressionen bei Müttern gelten noch immer als persönliches Versagen, als Schwäche, als Charakterfehler, als Einbildung.

Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet die Versorgung von Müttern und von psychisch Kranken so sträflich vernachlässigt wird. Dass es nicht ausreichend Psychotherapieplätze gibt und Schwangere keine sie betreuenden Hebammen mehr finden. Das liegt daran, dass wir als Gesellschaft alles, was an Schwäche, an Chaos, an Krise erinnert, nicht wahrhaben wollen und alles, was „problematisch“ ist denen aufbürden, die in der schwächeren Position und eigentlich schutzbedürftig sind. Ich meine nicht, dass Mütter per se schwach und schutzbedürftig sind, aber ihnen haftet etwas Natürliches und damit Unkontrollierbares an, das unsere Illusion von Kontrollierbarkeit und perfektem Funktionieren bedroht. Das gipfelt dann in Gynäkologen, die einer Frau, die ihr erstes Kind kurz vor Weihnachten erwartet, vorwerfen, dass man sowas doch heutzutage besser planen könne! Wir sind geradezu süchtig danach, dass alles nach Plan läuft, dass es nie ein Problem gibt, dass wir bloß nicht ins Stolpern geraten. Aber damit berauben wir uns der Möglichkeit überhaupt zu leben.

Ich will mich jetzt gar nicht weiter aufregen. Stattdessen teile ich hier noch mal besagten ersten Text. Es ist einer der wenigen, die ich auch nach längerer Zeit noch lesen kann ohne mir zu wünschen, dass sich eine Falltür unter mir auftut. Postpartale Depressionen sind häufig, viel häufiger als wir denken, und es ist wichtig, dass sie frühzeitig erkannt werden. Hier geht’s zu meinem Artikel darüber. Und jetzt gehe ich noch ein bisschen Konfetti werfen und mir zum ersten Bloggeburtstag gratulieren (sowie zu meinem ersten Blog, der diesen überhaupt erreicht hat :-))! Und die wunderschönen Blumen da oben, die sind für Euch alle, die hier immer noch mitlesen, die mich ermuntert haben weiterzumachen, die mir unglaublich persönliche und berührende Kommentare und Nachrichten hinterlassen haben. Danke!

 

4 Kommentare, sei der nächste!

  1. Liebe Melanie,

    herzlichen Glückwunsch zum Bloggeburtstag – ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Du letztes Jahr mit dem Blogartikel gestartet hast, da kannte ich Dich noch gar nicht. Und ich erinnere mich auch gut daran, wie der durch die Decke gegangen und was für eine unfassbare Reichweite er erzielt hat!

    Ich freue mich sehr, dass ein so guter Kontakt daraus entstanden ist.

    Und vor allen Dingen: dass du nächste Woche 23.08. // 08:30h live zu Gast im #REALTALKMAMA! bist (auf der facebook-Seite Facebook.com/magna.mater.online) – das hast Du hier nämlich verschwiegen 😉

    Alles Liebe und bis nächste Woche,
    Isabel

  2. Liebe Melanie.
    zufällig bin ich auf deinen Blogg gestoßen. Und deine Zeilen, deine ehrlichen Worte, dein klarer Blick auf die Dinge… all das löst beim Lesen sehr viel in mir aus. Danke dafür! Danke dass du die Dinge so aussprichst wie sie eben sind! Denn das ist das Leben. Und es tut so unglaublich gut, wenn man diese Klarheit und Ehrlichkeit auf der anderen Seite spürt. Ich freu mich auf mehr. Denn auch ich werde seit der Geburt meiner Tochter immer wieder neu aufgewirbelt…das ist gut und im Rückblick macht es Sinn, doch es ist auch ein Weg, der nicht nebenbei läuft, sondern Raum fordert. Ich wünsche dir alles Gute. Lotta

    1. Liebe Lotta, ich bin ganz sprachlos. Danke für Deine lieben Worte! Und ich wünsche Dir, dass Du den Raum findest, den Du brauchst. Alles Liebe, Melanie

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